Infoabend gut besucht



DSC_0710 (Groß)Mehr als 100 Personen nützten am 19.3. das Angebot, sich über mehrere Bereiche der Flüchtlingsthematik zu informieren.

ORF Reporter Andreas Mittendorfer erzählte von den Eindrücken seines Besuches in Erbil, Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak. Dort befinden sich Flüchtlingslager mit gesamt mehr als 1,5 Mio. Menschen, nur 40 km entfernt von der Frontlinie zum IS. Viele Menschen dort haben über Nacht fliehen müssen um ihr Leben zu retten und haben manche Grausamkeiten erlebt. Mit dem Notdürftigsten versorgt hoffen sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren zu können. Andreas erzählte auch einige persönlich berührende Details, so z.B. dass er dort christliche Flüchtlinge traf, welche noch Aramäisch, die Sprache Jesu, sprechen, aber auch, dass er sich trotz der chaotischen Zustände und der Frontnähe bei den Flüchtlingen nicht gefährdet fühlte. Die Bilder der riesigen Zeltstädte, der Containersiedlungen an jedem freien Platz in der Stadt oder das im Rohbau befindliche Einkaufszentrum, welches von 1700 Flüchtlingen bewohnt wird, bleiben in Erinnerung.

Einen Einblick in das Leben von Flüchtlingen in Österreich vermittelte Hannes Ziselsberger, Geschäftsführer des Verein Wohnen. Er berichtete offen und ungeschminkt von seinen Erfahrungen bei der Unterbringung von asylwerbenden Flüchtlingen. Er wies besonders darauf hin, dass der Verein Wohnen nicht nur Unterkünfte bereit stellt, sondern die Menschen auch mit Sozialarbeitern unterstützt, um ihnen zu helfen, sich in unserem Umfeld zurecht zu finden und möglichst eigenverantwortlich leben zu können.

Der Verein beschäftig ca. 50 Mitarbeiter, vor allem Sozialarbeiter, und kümmert sich in erster Linie um einheimische Personen, welche soziale Unterstützung brauchen, weil sie selbst nicht in der Lage sind eigenständig ihre Wohnsituation und ihr Leben im Griff zu haben. Man mietet Wohnungen und verwaltet diese für die Bewohner, unterstützt dies aber auch durch Sozialarbeiter. Seit ca. 20 Jahren betreut man auch Flüchtlinge, derzeit etwa 150 pro Jahr.

Auf Fragen aus dem Publikum bezüglich Problemen meinte Hr. Ziselsberger, dass das Kriminalitätsrisiko unter den Flüchtlingen nicht größer sei als unter den Anwesenden im Saal, es seien eben auch nur ganz normale Menschen. Oft sogar eher gut gebildet, weil andere die Flucht über diese Distanzen und Hindernisse gar nicht schaffen würden. Er verwies jedoch darauf, dass diese Menschen aufgrund ihrer Situation (Aufenthalt in einem fremden Land mit ungewissem Ausgang, getrennt von ihrer Familie, fremde Kultur und Gepflogenheiten, keine Beschäftigungsmöglichkeit…) hohe Belastungen aushalten müssen. Es ist daher wichtig, ihnen offen, wertschätzend und ehrlich zu begegnen.  Dies wurde auch durch Wortmeldungen aus dem Publikum untermauert, u.a. von Landeskammerrat der NÖ Arbeiterkammer GR Herbert Fahrnberger.

Hr. Ziselsberger betonte auch, dass es für ihn nicht möglich ist, sich die Flüchtlinge auszusuchen und dass es im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen nun einmal 80% Männer gebe, welche auf einen positivem Asylbescheid warten und hoffen, dass sie ihre Familie dann nach Österreich in Sicherheit bringen können. Er berichtete auch von sehr guten, persönlichen Erfahrungen mit einer Wohngemeinschaft junger Flüchtlingsmänner, welche ihre Wohnung sehr gut organisieren und pflegen. Er kennt aber auch traurige Situationen, wenn sehr nette, bereits gut integrierte Flüchtlinge nach unverständlich langen Asylverfahren erst nach vielen Jahren (die Kinder sind hier geboren und gehen zur Schule) einen negativen Bescheid erhalten und dann innerhalb von 2 Wochen das Land verlassen müssen. Er zeigte auch auf, dass während der Polenkrise oder der Balkankriege weit mehr Flüchtlinge in Österreich waren, seither jedoch das politische und soziale Klima im Umgang mit Ausländern deutlich schlechter geworden ist. Er schätzt deshalb die ybbsitzer Initiative wie er sie kennengelernt hat und freut sich auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit im Dienst an den Bedürftigen.

Monika Bramauer (Sozialausschuss der Pfarre) und Bgm. Josef Hofmacher gaben einen kurzen Rückblick über die Entstehung des Projektes, die mehrfachen Aufforderungen an Pfarren und Gemeinden seitens Innenministerium und Land, Gründung einer Arbeitsgruppe der Pfarre, Besprechung im Gemeinderat und Beschluss im Pfarrgemeinderat, Aussendung seitens der Pfarre und Gemeinde im Spätherbst letzten Jahres mittels Beilage zum Pfarrbrief 4/2014, Gesprächen des Verein Wohnen mit Hr. Jank im Jänner und letztlich Ankündigung in der Bürgermeisterinformation im Feb.2015 nachdem Gespräche mit den direkten Nachbarn stattgefunden hatten.

Trotzdem gab es Kritik von einigen Anrainern bezüglich ihrer Information. Ihnen wurde für die Zukunft regelmäßiger Kontakt seitens Sozialarbeitern des Vereins und dem Betreuungsteam angeboten, um eventuell auftretende Ängste und Probleme zu besprechen.

Einige nicht ganz unerwartete, einschlägige politische Stellungnahmen konnten aus der Diskussion weitgehend herausgehalten werden.

Vom Hausherrn Hannes Jank wurden Heizung, Installationen und sonstige bauliche Angelegenheiten erledigt. Beeindruckend ist die starke Unterstützung aus der Bevölkerung. Ca. 50 Personen halfen mit, 30 Personen/Familien stellten Möbel, Bettzeug, Besteck,…etc zur Verfügung, sodass nun zwei bezugsfertige Wohnungen bereitstehen. Die Ausstattung ist vollständig, schlicht und liebevoll, wenn auch nicht besonders hochwertig. Einige Bilder davon wurden im Anschluss an die Infoveranstaltung gezeigt.

Rund um den Sozialausschuss der Pfarre hat sich eine Gruppe von etwa 15 Personen gebildet, die bereit sind Flüchtlinge zu begleiten und mit ihnen auch Deutsch zu lernen, damit sie sich bald selbst zurecht finden können. Die Wohnungen sind für das Innenministerium freigegeben und dieses entscheidet wann und welche Flüchtlinge einquartiert werden.

Nach Erfahrungen der Sozialarbeiter des Verein Wohnen sind Flüchtlinge anfänglich oft etwas „verschreckt“. Sie haben vieles zu verarbeiten und beginnen erst nach einigen Monaten sich sicher zu fühlen und sich zu öffnen. Nehmen wir sie freundlich auf und geben wir ihnen eine Chance!

„Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es zurück“ war auch eine Aussage von Hrn. Ziselsberger.


[vkrpsl]

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